Smart Meter-Rollout: Es bleibt sportlich

Smart Meter-Rollout: Es bleibt sportlich

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Der Smart Meter-Rollout ist nach Jahren der Vorbereitung endlich gestartet. Das wohl größte öffentliche Digitalisierungsprojekt in Deutschland soll nun in die Fläche gehen. Erste Erfahrungen zeigen: Es ist noch einiges zu tun.

Journalisten lieben Bilder und was läge näher, als den Smart Meter-Rollout mit einer sportlichen Herausforderung zu vergleichen? Ein Mountainbike-Marathon käme der Wahrheit vielleicht am nächsten…Ein wenig hinkt der Vergleich wohl, wenn man bedenkt, dass die Veranstaltung faktisch schon vor 14 Jahren in der EU-Richtlinie 2006/32/EG angekündigt wurde. Weitere zehn Jahre vergingen mit der Definition des Austragungsorts, der Teilnehmer und der genauen Modalitäten, die final 2016 im Gesetz zur Digitalisierung der Energiewende festgelegt wurden. Es folgten vier Jahre, in denen die Regeln für die Qualifikation und Durchführung sowie die Anforderungen an die Wettkampfausstattung definiert wurden. Parallel absolvierten alle Beteiligten intensive Trainingseinheiten und in Teildisziplinen – Einbau der modernen Messeinrichtungen – begann die Austragung.

Ob irgendwann ein einzelner „Sieger“ ermittelt werden kann, muss man sich ebenfalls fragen, denn eigentlich sollen ja langfristig alle gewinnen. Aber sei’s drum: Ende 2019 wurde das dritte Smart Meter-Gateway zertifiziert, knapp zwei Monate später fiel – um im Bild zu bleiben – mit der Markterklärung der Startschuss für den Rollout der intelligenten Messsysteme.

Als sich die Athleten gerade bereit machten, kam Corona mit allen Einschränkungen für die internen Abläufe und den Kontakt zum Kunden. Doch inzwischen laufen sie…

Bestens vorbereitet für den Smart Meter-Rollout

Im Rückblick auf die vergangenen Jahre zeigt sich, dass alle Beteiligten, also: Messstellenbetreiber, Technologieanbieter und Dienstleister, die Vorbereitungszeit gut genutzt haben. Das gilt nicht nur für die Erprobung und Weiterentwicklung der vorgeschriebenen Technologien und Prozesse, die ja zudem lange nicht klar definiert waren oder sogar zwischendurch modifiziert wurden. Zudem wurde die Zeit genutzt, um den Smart Meter-Rollout weiterzudenken.

Nach zahlreichen Testläufen wird der Smart Meter-Rollout fortlaufend in die Praxis umgesetzt. Bild: Shuttertum/Shutterstock.com, VOLTARIS GmbH

Wirklich alle Versorgungsunternehmen haben in den vergangenen Jahren erkannt, dass das intelligente Messsystem mehr kann, als einmal pro Jahr den Stromverbrauch vom Kunden zum Versorger zu übertragen. Als hochsichere Kommunikationsschnittstelle ist es die Schlüsseltechnologie für sämtliche datenbasierten Geschäfts- und Netzprozesse der Versorgungswirtschaft. Solche Prozesse zu entwickeln und umzusetzen, ist mittelfristig alternativlos – auch diese Erkenntnis hat sich in der Branche inzwischen durchgesetzt.

Die Technologien stehen bereit, denn die Anbieter aus dem Smart-Metering- und IoT-Umfeld haben gemeinsam mit Wissenschaft und Forschung sowie zahlreichen innovativen Stadtwerken, Netz- und Messstellenbetreibern die Zeit genutzt, um die Voraussetzungen für die digitale Transformation der Energieversorgung zu schaffen. Heute kann das intelligente Messsystem als Plattform für Anwendungen genutzt werden, die sich vermutlich vor wenigen Jahren noch niemand hätte vorstellen können.

Rückenwind aus der Politik?

Es steht zu hoffen, dass Politik und Administration diesen Schwung aufnehmen und verstärken. In der Tat liest sich der Beschluss des Bundesrats vom 03.07.2020 wie eine veritable Lobeshymne auf das intelligente Messsystem. Gleichzeitig empfiehlt die Länderkammer ausdrücklich, „die Richtlinie 2019/944/EU möglichst rasch in nationales Recht umzusetzen“ und mahnt an, die technischen Voraussetzungen für die tarifabhängige Steuerung energieintensiver Verbrauchsstellen zu schaffen. Hierzu gehören beispielsweise eine sichere Steuereinrichtung zum Anschluss an das Smart Meter-Gateway, Weiterentwicklungen der Steuerungsfunktion der Smart Meter-Gateways sowie eine praxistaugliche Kommunikationsplattform zur Nutzung, Messung und Abrechnung von dynamischen Stromtarifen. Insbesondere fordert der Bundesrat, „dass eine Beschleunigung der Versorgung mit intelligenten Messsystemen…dringend geboten ist.“ (Drucksache 286/20).

Ob dies tatsächlich eine Empfehlung für einen „Full-Rollout“ ist, wie manche vermuten, mag dahingestellt sein – erfreulich ist der Vorstoß allemal. Letzten Endes werden aber die Erfahrungen in der Praxis entscheiden, wie lange es dauert, bis das intelligente Messsystem tatsächlich an jedem Anschluss verfügbar ist.

Vom Labor in die Praxis

Der baden-württembergische Netzbetreiber Netze BW versteht sich als Pionier bei der Digitalisierung des Messwesens und hat die relevanten Prozesse rund um das intelligente Messsystem seit 2014 intensiv erprobt – zuletzt in einem großen Praxistest mit rund 1.500 intelligenten Messsysteme in Kommunen und bei Privatkunden. Diese Erfahrungen sollen nicht nur auf die eigenen Prozesse einzahlen, sondern auch auf das Dienstleistungsgeschäft für andere Stadtwerke und Messstellenbetreiber.

Aus der Markterklärung ergibt sich für die EnBW-Tochter nun die konkrete Verpflichtung, bis 2032 über eine halbe Million Stromzähler umzustellen. Mit der Umsetzung der insgesamt über 1.000 Pflichteinbaufälle für 2020 wurde bereits im März begonnen, zunächst mit den Geräten zweier Hersteller. Wie Arkadius Jarek, Leiter des Messstellenbetriebs berichtet, wurden bereits rund 400 Einbauten erfolgreich durchgeführt. „Rund die Hälfte davon sind Pflichteinbauten, die anderen 200 sind Anschlussnehmer, die freiwillig ein intelligentes Messsystem installieren lassen.“ Vor allem handelt es sich dabei um Städte und Gemeinden, die künftig ein kommunales Energiemanagement nutzen wollen. Aus den ersten Erfahrungswerten ergibt sich ein heterogenes Bild.

Die Montageprozesse einschließlich der sicheren Lieferkette laufen reibungslos. Alle installierten Geräte sind End-to-End in die Systeme der Netze BW integriert, in der Marktkommunikation angemeldet und „prinzipiell funktioniert die Übertragung von Messwerten im 15-Minuten-Takt“, so Arkadius Jarek. Aber das ist nur der erfreuliche Teil der Wahrheit.

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Beim Smart Meter-Rollout besteht an einigen Stellen noch Handlungsbedarf. Bild: Oleksiy Rezin/Shutterstock.com

Intelligente Messsysteme: Momentan noch keine Massentauglichkeit

Tatsächlich „rumpelt“ es beim Rollout noch an vielen Stellen: „Die Systeme sind noch nicht massentauglich“, konstatiert Jarek – das zuständige technische Team habe aktuell alle Hände voll zu tun, Störmeldungen entgegenzunehmen und zu bearbeiten Teilweise handele es sich hierbei um Kleinigkeiten, die remote behoben werden können, an manchen Stellen zeigen sich aber auch grundsätzliche Probleme.

„Die Kommunikation per Mobilfunk erweist sich in der Praxis als echtes Problem“, berichtet der Leiter Messstellenbetrieb, denn die Datenübertragung erweise sich in der Summe als ausgesprochen instabil und unberechenbar. „Unsere Monteure messen natürlich die Mobilfunkabdeckung, aber trotz perfekter Werte beim Einbau kann es sein, dass die Verbindung drei Tage später nicht klappt.“
Ab Herbst will die Netze BW daher zusätzlich auch Powerline-Kommunikation für die intelligenten Messsysteme nutzen, sehr gerne würde man die Daten auch über ein 450MHz-Netz übertragen. „Unsere Feldtests haben hier eine sehr gute Durchdringung in die Keller gezeigt“, berichtet Jarek.

Auch zeige sich, dass sich die Smart Meter-Gateways verschiedener Hersteller durchaus unterschiedlich verhalten – beispielsweise, was die interne Verarbeitung der Messwerte in den Tarifanwendungsfällen (TAFs) betrifft. Für eine ordnungsgemäße Abrechnung muss die Netze BW dementsprechend Anpassungen in den eigenen Systemen vornehmen. Hier, so Arkadius Jarek, sei deutlich mehr Standardisierung sinnvoll.

Zudem bemängelt der Leiter Messstellenbetrieb die Prozesse rund um die Rezertifizierung der Smart Meter-Gateways, die weder die Hersteller noch den Anwender wirklich zufrieden stellten. „Jede kleinste Änderung, die sich aus den Erfahrungen und Anforderungen im Praxisbetrieb ergibt, muss rezertifiziert werden“, erläutert Arkadius Jarek. Technisch sei das meiste für die Hersteller kein Problem, allerdings sei mit der Rezertifizierung auch ein erheblicher Dokumentations- und Kostenaufwand verbunden. Um diesen zu minimieren, sammelten die Hersteller in der Konsequenz die Änderungswünsche der Kunden. „Das ist betriebswirtschaftlich absolut verständlich, führt aber im Feld natürlich zu Verzögerungen.“

Zentrale Rolle für Messstellenbetreiber

Diese Verzögerungen machen den Leiter Messstellenbetrieb spürbar ungeduldig, denn die Netze BW möchte den Messstellenbetrieb mittelfristig als zentrale Schnittstelle zwischen Netz und Vertrieb positionieren – mit entsprechenden Anwendungen für die anderen Marktpartner und eigenen Mehrwertdiensten oder Bündelangeboten im Submetering. „Unser Zielbild ist es, allen Kunden über unsere iMsys-Plattform den Zugang zu den zentralen Mehrwertangeboten von MSB, Vertrieben, Netzen und Dritten bereitzustellen – und dazu muss die technische Basisinfrastruktur einfach laufen.“ Die ersten Erfahrungen in Baden-Württemberg zeigen, dass bis dahin noch einiges zu tun ist.

Das gilt auch mit Blick auf die angebundenen Marktrollen. „Steuerung und Flexibilitätsmanagement können wir aufgrund der Gesetzeslage und der fehlenden Spezifizierungen nur in Feldtests erproben“, berichtet Jarek. Lieferanten und Vertriebe hätten schon deutlich bessere Möglichkeiten, die neue Infrastruktur zu nutzen, doch auch an dieser Front sei es noch erstaunlich ruhig. In der Gesamtbilanz ist Arkadius Jarek jedoch optimistisch: „Die Digitalisierung der Energieversorgung hat jetzt endlich begonnen – und das ist momentan das Wichtigste.“ Die gesamte Branche stehe bereit, die enormen Potenziale dieses Wandels zu nutzen.